Um eine Sprache in eine andere zu übersetzen, bedarf es eines Wortschatzes, einer Grammatik und Sprachgefühl. Wenn es also darum geht, Geschichten visuell zu erzählen – und mit visuell meine ich: in Filmen – , sind diese Bereiche genauso wichtig. Ein wichtiger Unterpunkt in der Erstellung – sowohl von Text als auch von Film – sind Gestaltungsmittel.  

Egal ob Kamera, Licht, Schnitt, Musik, Sound, etc. – all diese Werkzeuge können genutzt werden, um aus einer einfachen Geschichte eine Geschichte zu machen, die den Zuschauer fesselt, beeindruckt und Emotionen weckt. All diese Werkzeuge helfen dabei, dass sie passend erzählt wird.

Beispiel: Einstellungsgrößen
Nehmen wir als Beispiel eine bekannte Gestaltungsregel: die Hitchcock-Regel.
Sinngemäß lautet sie so: Die Einstellungsgröße ist proportional zur Wichtigkeit des Gezeigten.
Ist es also wichtig zu sehen,
wie eine Figur fühlt, dann wählt man eine Großaufnahme des Gesichts. 
Ist die Beziehung zweier Personen zueinander wichtig, wählt man eine Halbtotale.
Spielt die Umgebung eine besondere Rolle, ist eine Totale wahrscheinlich die richtige Wahl.

Szene aus Mission: Impossible von Brian De Palma (1996)
Ethan Hunt findet heraus, dass all seine Teammitglieder getötet wurden und im Laufe des Gesprächs wird klar, dass es sich bei dem Einsatz um einen Versuch handelte, einen Verräter aufzuspüren. Hunt wird verdächtigt, dieser Verräter zu sein.   Mission: Impossible: Close-Ups

Die Kamera ist die meiste Zeit sehr nah an den Gesichtern, um die Emotionen und Reaktionen der Figuren gut darzustellen. Der gegensätzliche, gekippte Kamerawinkel (Dutch Angle) unterstreicht die gegenseitigen … sagen wir mal: Ansichten … der beiden Figuren. Boom! Super erzählt!

Beispiel: Licht
Als Beispiel fällt mir der neue Star Wars Film THE FORCE AWAKENS von J.J. Abrams ein. (ACHTUNG: Wer den Film noch nicht gesehen hat, überspringt diesen Absatz besser!) 
Han Solo und Kylo Ren reden auf einer Brücke darüber, wie zerissen Kylo ist. Er weiß nicht, ob er dem Ruf der hellen Macht nachgeben soll. Im Hintergrund sieht man die strahlende Sonne, aus der gerade der Starkiller gespeist wird. Han bietet Kylo an, ihm bei seiner Entscheidung zu helfen. Bevor Kylo sich bedankt und Han ersticht, sieht man aber, wie das strahlende Licht der Sonne verschwindet. Das Licht (die helle Seite der Macht) erlischt und Kylos Gesicht wird infolgedessen dunkel. Nur das rote Schimmern seines Lichtschwerts ist zu sehen. Die dunkle Seite hat gewonnen und Kylo tötet Han. Boom! Super erzählt!
Das Licht spielt hier also eine bedeutende Rolle und hilft, die Handlung und die Geschichte besser zu verstehen. Ohne diese Gestaltung wäre eine Szene wie diese niemals so stark und emotional.      

Beispiel: Schnitt
Mein Editing-Lehrer Jack Tucker, A.C.E. sagte, dass die drei wichtigsten Punkte für einen Schnitt Emotion, Story und Rhythmus sind.
Es ist also hilfreich zu wissen, welcher Schnitt den besten Effekt für Emotion und Story liefert. (Rhythmus beachten wir hier mal nicht.) 
Der Editor kann eine Einstellung ungewöhnlich lang stehen lassen, um beispielsweise Unbehagen zu erzeugen. Er kann viele schnelle Cuts machen, um Hektik und Unruhe zu verbreiten. Den Job des Editors habe ich bis zu meinem Studium nie als einen gesehen, der so viel Kontrolle über die Stimmung des Films hat. Er hat aber tatsächlich ähnlich viel Einfluss auf den Film wie der Regisseur.
Es geht nicht nur darum, Bilder aneinander zu hängen oder sie von einander zu trennen. Es geht darum, die Geschichte mit den vorhandenen Bildern passend zu erzählen. Der Editor kontrolliert also quasi die finale Version des Films. Er schreibt den Film in gewisser Weise neu.    

Beispiel: Kamerabewegung
Kamerabewegungen sehen super aus und verleihen einem Film oft einen großen Schauwert. Neben dem Aussehen verfolgen Kamerabewegungen aber meist einen tieferen Sinn.
(Ich weiß, einigen Leuten mag es komisch vorkommen, dass diese Worte von einem Michael-Bay-Fan kommen. Aber bei Herrn Bay ist das nicht so abwegig, wie man zuerst glauben mag - er setzt das Mittel nur anders ein, als man es gewohnt ist). 
Meist sind Kamerabewegungen motiviert, z.B. durch Bewegung im Bild, durch Gefühlszustände der Protagonisten oder durch Stimmung der Szene. So wäre es beispielsweise wenig hilfreich, Verfolgungsjagden mit stehender Kamera zu drehen, vorausgesetzt (!) man will die Spannung und Hektik einfangen. Eine Kamera, die auf eine Person zufährt, kann einen Prozess oder einen Gedankengang dieser Person unterstreichen. Eine Kamerabewegung von oben nach unten kann dabei helfen, in eine Szene „einzutauchen“. Eine Kamera, die von einer Person wegfährt, kann die Einsamkeit oder einfach nur das Verhältnis der Person zur seiner Umwelt hervorheben.

(Bsp: Captain Philipps von Paul Greengrass. In der finalen Szene vor dem Abspann sieht man zunächst das kleine Rettungsboot. Die Kamera fährt zurück, die Einstellung wird zu einer weiteren Totalen und man sieht die drei Schiffe der U.S.Navy.
Die Kamerabewegung macht die Relation der Schiffe und die Übermacht der Navy klar: Finale Szene) Boom! Super erzählt!

Kamerabewegungen zeigen einen „Perspektivenwechsel“ – nicht nur den der Kamera, sondern auch den inneren Wechsel des Helden, seiner Ansichten, seiner Ideen o.ä.. 

 

Weitere visuelle Gestaltungsmittel, die ich hier nur erwähnen möchte, sind natürlich Kostüm, Make-Up und Produktions-Design. Auch diese Abteilungen tragen viel zur Stimmung und Authentizität der Story bei und müssen zum Thema und der Geschichte passen.

Gestaltungsmittel sind dazu da, die Story stärker zu erzählen, sie auf verschiedenen Ebenen zu erzählen. Bewusst eingesetzt, verleihen sie dem Film einen starken visuellen Subtext. Nur wenn man die Regeln kennt, kann man sie bewusst brechen. :-)